Andacht Juni bis August 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
Für den Monat Juni ist ein Bibelvers aus dem Hebräerbrief der Monatsspruch:
„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib“ (Hebräer 13, Vers 3).
Mich erschüttern immer mehr die Nachrichten vom Umgang mit Gefangenen in verschiedenen Kriegen in unserer Zeit. Das sind schlimme Menschenrechtsverletzungen, die auch in Kriegszeiten gelten. Ich bin entsetzt, wozu Menschen imstande sind. Gleichzeitig erinnert es mich daran, was Menschen in unserem Land anderen angetan haben. Menschen in unseren Familien, in unserer Nachbarschaft. Wie kann das sein? Ich sehe brutale Täter, ich sehe Befehlshaber, die weit weg sind von den Betroffenen ihrer Befehle, ich sehe aber auch viele Menschen, die das alles sehen und nichts tun.
Wenn ich den Monatsspruch für Juni lese, entdecke ich, dass das kein neues Phänomen ist:
„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen.“
Der Apostel Paulus hat seine Erfahrungen als Gefangener gemacht. Er hat in Gefängnissen Anteilnahme von Geschwistern der Gemeinden erlebt, die er gegründet hat. Er hat aber auch bittere Erfahrungen gemacht von Menschen aus „seinen“ Gemeinden: Z.B. in seiner Lieblingsgemeinde in Philippi: Da haben Geschwister sinngemäß geschrieben: „Die Verkündigung des Evangeliums geht auch ohne dich.“ Im Unterton lese ich: „Vielleicht sogar besser?“
Heute erschüttert mich mindestens so sehr, dass so viele Menschen in unserem Land in den kriegerischen Auseinandersetzungen nur an eigene Nachteile denken, wie gerade, während ich dies schreibe, an die hohen Spritpreise. Menschen, die Entscheidungen unterstützen, die zu Lasten schwer betroffener Länder gehen. Oder ich denke vor allem an Menschen in der Ukraine. Vor diesem Hintergrund lese ich diesen Vers: „Denkt an die Gefangenen als wäret ihr mitgefangen.“
Das möchte ich tun, auch davon reden zu Menschen, die gefühlt nur bei sich selbst sind. In meinen Ohren klingt die Regel Jesu: »Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern« (Matthäus 7, 12 Neue Genfer Übersetzung). Diese sogenannte „Goldene Regel“, die Jesus unmissverständlich formuliert hat, gilt für Gefangene, die weit weg sind von uns – oder vielleicht auch gar nicht so weit weg sind? - Misshandelte, die weit weg sind von uns – oder vielleicht ganz nah sind? Wie auch in vielen alltäglichen Situationen.
Wir haben Himmelfahrt gefeiert und auf die letzten Worte Jesu gehört, in denen es heißt: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: … lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe!“ Ich möchte Jesu Worte wirklich ernst nehmen. Mich auch daran erinnern lassen von anderen und andere daran erinnern.
Allein und gemeinsam an Gefangene denken, als wäre ich – als wären wir Gefangene, Misshandelte. Und spüren, wie sich ein neues Denken mehr und mehr ausbreitet. Und auch die Gemeinschaft mit Geschwistern, die nicht nur den Befehl hören dürfen: „Lehret!!!“ Sondern auch die Zusage, die allerletzten Worte, die Matthäus uns aus dem Mund Jesu überliefert: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Euer Lutz Althöfer